Fritz J. Raddatz
Diese vermaledeite Miese-Fritzig-Keit
Vor 95 Jahren wurde der Kritiker, Essayist und Schriftsteller Fritz J. Raddatz geboren, am 3.September 1931. Mit Anfang 20 schon wurde er Lektor des Ostberliner Verlags Volk und Welt. Nach seiner Übersiedlung nach Westdeutschland wurde er Cheflektor beim Rowohlt Verlag. Von 1977 bis 1985 leitete er das Feuilleton der ZEIT. Danach arbeitete er als freier Kritiker und Publizist. Über seine Hausgötter Heinrich Heine und Kurt Tucholsky hat er Biografien geschrieben. Unvergesslich auch nach seinem Tod im Jahr 2015 bleiben seine scharfzüngigen und selbstironischen Tagebücher.
Eva Schäfers hat sich in sie vertieft und versucht, einige Notate in seinem Geiste fortzuschreiben.
Sagen Namen etwas über uns aus? Oder ist es andersherum so, dass wir versuchen, uns unseren Namen anzugleichen?
Fritz Raddatz, ein Peitschenknall im Vornamen, gefolgt von einem Trommelfeuer des Hausnamens, eingeleitet von einem katarrhtischen rollenden R, das zweimalige Tz in Vor- und Nachname scharf züngelnd.
Fritz, der Scharfrichter, hat Grass den streitbaren Kritiker mal genannt. Raddatz, der scharf austeilen konnte, war darüber ziemlich beleidigt. Auch mit Grass hatte sich Raddatz irgendwann auf Dauer entzweit, nach Jahren einer immer schwierigen Freundschaft.
von Eva Schäfers
Nizza, The Golden Park, den 26.Juni 2026
Wir hören die Eisverkäufer von der Promenade des Anglais, die Autos hupen, Marktverkäufer schreien sich fröhliche Unverschämtheiten zu, aber hier in unserem – fast luxuriösen – Apartment schweigt das Fax, es schweigt das Telefon. Auch Gerd* schweigt, aber das ist so ungewöhnlich nicht.
Hatte man mich gestern noch, im Tone größter Dringlichkeit gebeten, einen Essay über Kempi** fertigzustellen, er müsse heute spätestens, allerspätestens, in Druck, so macht sich heute NIEMAND die Mühe, den Erhalt des – selbstredend mit größter mir noch möglichen Sorgfalt geschriebenen – Manuskriptes wenigstens zu quittieren. Als ich nun gezwungenermaßen selbst zum Hörer greife, antwortet mir die Sekretärin recht schnippisch, eben der Redakteur sei an dem Tag in den Urlaub gefahren. Den Namen seines Stellvertreters hatte ich noch nie gehört.
Den Champagner und die weißen Lilien mir zur Belohnung für den fertigen Artikel muss ich mir nun wohl selbst besorgen müssen. Dazu womöglich noch Krokantpralinen für Gerd, der manche Launen dieses immer verdrießlicher werdenden alten Zausels ertragen muss.
Eben gerade kam Inge*** hereingeschneit, ohne Blumen, ohne Champagner, aber federnd, wirbelig, charmant wie eh und je. Weißer Satinanzug mit passenden Pumps. Aber: kaum hatte sie ihr Glas Bordeaux geleert, musste sie schon fort, zu einer irgendeiner eleganten Soirée, auf die ich selbstredend NICHT geladen war. Eine neue Mode, FJR nicht einzuladen. Wenigsten hätte man doch gern die Möglichkeit gehabt, absagen zu dürfen.
27.Juni
Meine vermaledeite Miese-Fritzig-Keit geht mir beinahe selbst auf die Nerven
29.Juni
Telefonierte heute mit dem aufgekratzten Freund Kempi, der gerade den letzten Rest Kuchen verspeiste, den ihm der Redakteur N.N. auf sein Geheiß gestern zum Interview mitgebracht hatte. Kempi verlangt immer Kuchen von seinen Besuchern.
Schilderte ihm – der noch kaute, ohne sich dafür zu entschuldigen – das nächtliche Telefonat mit Hochhuth. Wie immer ohne Guten Abend, ohne Störe ich in meinen stillen Bordeaux-Abend geplatzt. Der sich vor Zorn über wortbrüchige Redakteure und unzuverlässige Lektoren gar nicht mehr zähmen ließ. Wie kann ich ihm nur verständlich machen, dass er mit seinem schäumenden Kläffertum alle vor den Eierkopf stößt, fragte ich ihn.
Kempi kaute, kicherte, schwieg und sagte dann schließlich: Ja, das sind so Sachen…
Für diese Nullinger-Replik hast du aber lange gebraucht, versetzte ich scharf. Kempi lachte, aber etwas verkniffen. Eingeschnappt? Der kleine Telefon-Splitter wird sicher für sein Tagebuch aufgespießt, wie ich das ja auch mit ihm mache. Wie wir uns seit Jahren so beäugen und mit boshaft-liebenswürdigen Notaten gegenseitig für die Nachwelt festhalten, entbehrt nicht der Komik.
Kampen, Sylt, den 1.Juli
Die Deutschen – egal ob auf Sylt, in Hamburg oder München – sehen entweder aus, als brächen sie gleich auf zu einer alpinen Wanderung oder als kämen sie direkt aus der Turnhalle. Selbst in der Stadt tragen sie hässliche schwarze Nylonrucksäcke und darunter sogenannte Funktionsjacken. Was für eine Funktion eigentlich? Wenn sie dann noch kurze Kniehosen tragen, sehen sie aus wie beflissene Schuljungen. Als Kontrastprogramm im Sommer beigefarbene wattierte Rentner-Westen, und darunter lugen bunt karierte Hemden mit halbem Arm hervor – was mich schaudern lässt.
Mit meinen leichten Leinenjacketts über weißem Hemd mit dezenten silbern-perlmuttenen Manschettenknöpfen komme ich mir vor wie ein Außerirdischer.
Und wer zieht sich heute eigentlich noch für das Abendessen um? Selbst Gerd mosert darüber manchmal. Prätentiös findet er das. Zumal wir ja keinen Butler haben, der die Speisen aufträgt.
2.Juli
Warum nur hat das FAZ-Feuilleton den Michael-Althen-Preis neu ausgerichtet? Schien mir eigentlich doch bewährt. Den ziemlich bekannten Filmkritiker Althen habe ich nie kennen gelernt. Komisch eigentlich, wo ich doch immer überall war, bei Premierenfeiern, Vernissagen, Empfängen – ubiquitär fast wie Genscher zu Lebzeiten, dem man nachsagte, dass er sich auf seinen Vielflügen auch schon mal selbst begegnet ist. Oder war das kein Wortwitz, sondern ein Cartoon?
Jetzt darf der Aspirant auf den – na ja, eher mickrig dotierten – Preis nicht mehr eine schon geschriebene Kritik des vergangenen Jahres einreichen. Recte: Er soll eine GROSSE Frage beantworten.
Diesmal heißt sie: Gibt es nationale Unterschiede in den Künsten?
Meine Antwort würde monosyllabisch ausfallen: JA!
9.Juli
Seit Tagen schwärmt mir Gerd von einer ARTE-Krimi-Serie vor. Ja, ja, ein bisschen kitschig sei sie schon. Aber so viele Bilder vom Meer, von Booten und dem glitzernden Sonnengeflimmer auf dem blauen Wasser, wie bei dem – nun gerade verstorbenen – Pool-Maler Hockney. Und der schöne Henrik, Ex-Mann von Nora Linde, der Staatsanwältin!
Mir ist es ein Rätsel, wieso so viele freiwillig so viele Stunden vor der Glotze verplempern, aber der Schwede machte mich doch neugierig.
Fazit: Könnte vom Aussehen auch ein Wikinger sein. Ja, attraktiv ist er mit seinen scharf geschnittenen Gesichtszügen und dem blonden Haar. Oft lächelt er aasig – sagte man das nicht weiland über den Schauspieler Gründgens? Spielt ein Filou, dieser Henrik, der gern seinen muskulösen Oberkörper vorführt – wenn er nicht gerade seinen Chirurgenkittel trägt.
Ist er auch eins, privat? Früher hätte ich das brennend gern herausfinden wollen und auch Wege dazu gefunden. Das Feuer ist noch da, aber: das Haupt ist aschen, der Bauch nicht dick, aber eingefallen und faltig: ein gebrestiger und missmutiger Greis blickt mir aus dem – leider nicht blinden – Spiegel entgegen. Abflauender Bocksgesang. Und da ist ein wehes Ziehen in der Brust. Nevermore, nevermore, krächzte der Rabe bei Poe.
Und ich kann mich noch nicht mal bei Gerd beklagen.
15.Juli
Wie es der Teufel will… vor zwei Tagen rief der überaus freundliche Redakteur der ZEIT mal wieder an. Druckste etwas herum – und diesmal ohne Schmeichelei à la „Nur Sie können das, verehrter Herr Raddatz …“. Fernsehen ist ja eigentlich nicht ihr Metier, hub er an. Aber wir wollten mal etwas bringen über eine sehr erfolgreiche schwedische Serie, Mord im Mittsommer. Sehr gute Einschaltquoten meine ich mit erfolgreich. Alles Hochglanz. Vielleicht ähnlich wie Das Traumschiff – die Serie kenne ich allerdings auch nicht. Pause. Könnten Sie sich vorstellen, mal über den Erfolg nachzudenken und uns dann eine – na, sagen wir mal – Glosse oder so was zu schreiben?
Ich würde nun gerne hüsteln, aber da ist gerade kein Hüstler im Hals. Das kommt auf Ihr Angebot an, sage ich schließlich, auf das Schlimmste gefasst. Darauf er: Wir haben eigentlich kein Geld für…
Keine Geld habe ich selber, blaffe ich und lege auf.
Ob der Jungspund wohl weiß, dass ich mal Feuilleton-Chef der ZEIT war, recte von 1977 bis 85? Immerhin acht Jahre!
Hamburg, 26.Juli
Gräulich und greulich verhangen ist der Himmel, es nieselt auf diese verhuschte norddeutsche Art, und dann bricht auf einmal die Sonne durch. Man weiß gar nicht, ob man gut oder schlecht gelaunt sein soll, sagte Gerd beim Frühstück. Er ist witzig, ohne sich dafür anstrengen zu müssen.
Sagte ich Frühstück? Ich brauchte so lange im Bad – mit Einsalben, Rasieren, Kämmen, Frottieren, Lackieren – dass Gerd schon den mittäglichen Lunch auftischen wollte.
Für meine Griesgrämigkeit brauche ich das Hamburger Wetter nicht, mitnichten. Anrufe bei Redaktionen reichen schon.
Schlug gestern dem mir eigentlich wohlgesonnenen Redakteur N.N. den von mir geschätzten Autor … zur Besprechung vor. Er dazu: Sicher. Eigentlich eine gute Idee. Nur … niemand kenne den überhaupt noch.
Eben, sage ich darauf. Deswegen schlage ich ihn ja vor.
Wir sind die Yoghurts des gefräßigen Kulturbetriebs. Wo liegt eigentlich mein Verfallsdatum? Wer verlangt heute noch nach meinen Studien zu Heine und Tucholsky? Von diesen Notaten ganz zu schweigen.
Gerhard Bruns-Raddatz, der langjährige Lebenspartner von Fritz J. Raddatz
**Inge Feltrinelli, deutsche Fotografin und Verlegerin, 1930 -2018
***Walter Kempowski, Schriftsteller, 1929- 2007
Fritz J. Raddatz: Tagebücher. 1982 – 2001. Rowohlt Verlag 2010
Ders.: Tagebücher. 2002 – 2012. Rowohlt Verlag 2015