{"id":3365,"date":"2026-08-25T16:08:14","date_gmt":"2026-08-25T14:08:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.eva-schaefers.de\/?p=3365"},"modified":"2026-08-25T17:24:01","modified_gmt":"2026-08-25T15:24:01","slug":"colin-barrett-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.eva-schaefers.de\/index.php\/2026\/08\/25\/colin-barrett-2\/","title":{"rendered":"Colin Barrett"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; admin_label=&#8220;section&#8220; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_row admin_label=&#8220;row&#8220; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding=&#8220;|||17px||&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_text admin_label=&#8220;Text&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.5&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220; use_border_color=&#8220;off&#8220; border_color=&#8220;#ffffff&#8220; border_style=&#8220;solid&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding=&#8220;|||0px||&#8220;]<\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\"><strong>Der irische Roman Wilde H\u00e4user<\/strong><\/span><\/p>\n<p><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Ein Teint wie bl\u00e4ulich schimmernde Milch<\/strong><\/p>\n<p>Der Ire Colin Barrett begeistert mit seinem tiefgr\u00fcndigem ersten Roman <em>Wilde H\u00e4user<\/em>. Und h\u00f6chst spannend ist er auch<\/p>\n<p><em>Eva Sch\u00e4fers<\/em><\/p>\n<p>Die w\u00fcste Szene in Devs Badezimmer wirkt so lebendig, dass man als Leser in die bedrohliche Szene hineinspringen m\u00f6chte und gleich zu Schrubber und Besen greifen will, um das Chaos aus Glasscherben, Blut und Wasser zu bes\u00e4nftigen. Trotz massiver Gewalt ist niemand zu Tode gekommen, niemand ertr\u00e4nkt oder erschlagen, obwohl danach reichlich Pflaster und Paracetamol gebraucht werden. Doch gleich wieder traktiert uns der Autor mit einem Szenenwechsel, obwohl man zu gern wissen m\u00f6chte, wie die Entf\u00fchrer mit dem unerwarteten Befreiungsschlag umgehen.<\/p>\n<p>\u00a0 <em>Wilde H\u00e4user<\/em> ist das Romandeb\u00fct des Iren Colin Barrett, # in diesem Monat # im Steidl Verlag auf Deutsch erschienen. 2016 ver\u00f6ffentlichte der Verlag einen Band mit feinen Erz\u00e4hlungen Barretts, unter dem Titel <em>Junge W\u00f6lfe<\/em> (engl. <em>Young Skins<\/em>). Auch in <em>Wilde H\u00e4user<\/em> geht es um die Langeweile junger M\u00e4nner ohne berufliche Perspektive, die sie in Alkohol, Drogen und Kriminalit\u00e4t treiben. Auch hier wieder junge W\u00f6lfe, aber es sind nicht mehr nur Kleinkriminelle wie in den Kurzgeschichten.<\/p>\n<p>\u00a0Was macht <em>Wild Houses<\/em> so spannend wie einen klassischen Kriminalroman? Es ist die gute Geschichte, es sind die Cliffhanger, die abrupten Szenenwechsel zwischen Schaupl\u00e4tzen und Zeitebenen, mit R\u00fcckblenden, die die Spannung erh\u00f6hen, denn es l\u00e4uft ein Ultimatum, ab. Ein glaubw\u00fcrdiges Milieu aus dem Nordwesten Irlands, der Grafschaft Mayo, mit\u00a0 glaubw\u00fcrdigen Charakteren. Und was macht <em>Wilde H\u00e4user<\/em> so raffiniert? Nur wenn man langsam liest, entdeckt man, mit welchen Finessen Barrett arbeitet, so, als trenne man ein smart geschnittenes Etuikleid auf, um seine verborgenen Abn\u00e4her zu studieren.<\/p>\n<p>\u00a0 Barrett hat den Plot gespickt mit Bildern des Sehens, H\u00f6rens und Riechens, die die Phantasie des Lesers befeuern: beispielsweise das omin\u00f6se \u201eLuftfoliengeknister von Reifen, die langsam \u00fcber Kies rollen\u201c. Oder der blasse Teint des entf\u00fchrten Jungen Doll, der an frisch gemolkene, bl\u00e4ulich schimmernde Milch erinnert. Oder der mineralische Geruch der Luft nach einem Regenguss. Die Bilder und Vergleiche sind nicht ornamental schm\u00fcckendes Beiwerk, sondern sie haben eine wichtige Funktion &#8211; sie unterst\u00fctzen die Gef\u00fchle bei der Lekt\u00fcre: Mitgef\u00fchl, Spannung, Angst. Daher hat Barrett jegliche Romantik in seiner Natur ausgel\u00f6scht. Mit einer schillernden Benzinlache auf dem Wasser vergleicht er das irisierende schwarzblaue Gefieder einer Kr\u00e4he. Und in der Menschenwelt &#8211; die rostigen Wellblechd\u00e4cher von Schuppen beschreibt er als die Farbe von getrocknetem Blut. Alles dient dazu, eine Atmosph\u00e4re von Bedrohung und Angst heraufzubeschw\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0 \u201eDieses Haus ist ein wildes Haus\u201c, sagt Sheila aufgebracht zu ihrem \u00e4lteren Sohn Cillian. In seinem Haus wurden bis vor Kurzem noch wilde Partys gefeiert, Drogen konsumiert und Drogen verkauft. Bis Cillian Drogen im sicher geglaubten Versteck verliert, Drogen, die ihm nicht geh\u00f6ren, sondern dem Boss der Bande. Um Cillian unter Druck zu setzen, entf\u00fchren die Br\u00fcder Sketch und Gabe Ferdia seinen j\u00fcngeren Bruder Doll und bringen ihn in dem abgelegenen Haus von Dev Hendrick unter.<\/p>\n<p>Bei einem solchen Plot sollte man glauben, Opfer und T\u00e4ter st\u00e4nden im Zentrum. Aber Colin Barrett verschiebt die Perspektive nachdr\u00fccklich auf eine angebliche Nebenfigur: Dev Hendrick, den h\u00f6chst eigenartigen Hauseigent\u00fcmer. Seine K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe ist so enorm, dass er \u00fcberall auff\u00e4llt \u2013 auch wenn er am liebsten unsichtbar bliebe. Gro\u00df wie Baggerschaufeln seien seine H\u00e4nde, sagt Sketch zu Doll am K\u00fcchentisch, wo sie Corona-Bier trinken und Snacks in sich hinein schaufeln. In der Schule wurde Dev gemobbt. Die hat er deshalb vorzeitig geschmissen, vor Kurzem auch seinen Fabrikjob, der f\u00fcr ihn eigentlich ganz okay war. Menschen sieht er nun tagelang keine, qu\u00e4lend langsam verrinnen die Tage, und er sitzt eingekerkert im schwarzen Schlick seiner Gedanken. Einfacher gesagt: er scheint eine schwere Depression zu haben, mit Panikattacken in gef\u00e4hrlichen Situationen. Nun ist er zwar nicht mehr allein, aber diese Situation gef\u00e4llt ihm ganz und gar nicht. Die Ferdias sind unberechenbar. In was ist er da nur hineingeraten? \u201eJetzt sitzen wir in der Schei\u00dfe, Georgie\u201c, sagt Dev zu seinem H\u00fcndchen, als er mal in den Garten entwischt, um zu rauchen.<\/p>\n<p>Georgie ist \u00fcbrigens nicht nur ein kleines Detail im Roman, da sich \u00fcber ihn Dev und Doll etwas ann\u00e4hern. Und als die Gewalt zu eskalieren droht, verpuppt sich der H\u00fcne aus seiner \u201estoffpuppenhaften Gef\u00fcgigkeit\u201c, und es zeigen sich seine gewaltigen Kr\u00e4fte \u2026 wie ein Wiederg\u00e4nger des superstarken Lennie aus Steinbecks Roman <em>Von M\u00e4usen und Menschen<\/em>.<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0 Wenn die Menschen erregt sind, schleicht sich auch mal ein g\u00e4lischer Ausdruck ins Idiom. Ansonsten hauen die jungen M\u00e4nner in stakkatohafter Manier einen vulg\u00e4ren Slang raus, dessen misogyne Herabsetzungen ihnen vermutlich gar nicht bewusst sind. W\u00e4hrend der schimpfende Deutsche einen Hang zum F\u00e4kalen zeigt, ist das in der angloamerikanischen Welt die Affinit\u00e4t zum Genitalen. Insofern wurde aus dem C\u2026 f\u00fcr Dev ein \u201eRiesenarschloch\u201c in der ganz vorz\u00fcglichen \u00dcbersetzung von Claudia Glenewinkel und Hans Christian Oeser, die nat\u00fcrlich nicht nur den Slang, sondern die bildliche Tiefe der irischen Vorlage wunderbar geschmeidig ins Deutsche \u00fcbertragen haben. \u00dcbrigens sind die Frauen, also Cillians Mutter Sheila und Dolls Freundin Nicky, den M\u00e4nnern an Reife und Vernunft weit \u00fcberlegen, was sich auch sprachlich offenbart. Schlagfertig und scharfz\u00fcngig sind sie in ihren Repliken und lassen den M\u00e4nnern nichts durchgehen, keine kesse Angeberei oder gar verbale Ausweichman\u00f6ver, wenn es brenzlig wird. Aber mehr zu verraten, w\u00e4re unfair gegen\u00fcber den Lesern, denen wir die Spannung auf keinen Fall nehmen wollen.<\/p>\n<p>Was hat Dev nur dazu bewogen, sich auf die Br\u00fcder Ferdia einzulassen? Da kann man nur mutma\u00dfen. Die Geschichte soll sich \u00fcber die Geschichte mitteilen, nicht \u00fcber einen schlaumeierischen Erz\u00e4hler, der uns Lesenden erkl\u00e4rt, wie wir alles zu deuten haben. <em>Show don\u2018 t tell.<\/em> Das wissen Autoren wie T.C.Boyle und Ian McEwan \u2013 und das wei\u00df der begnadete Romanautor Colin Barrett \u2013 und l\u00e4sst uns mit diesem R\u00e4tsel daher allein: warum nur hat Dev Hendricks die Br\u00fcder Gabe und Sketch Ferdia \u00fcberhaupt in sein Haus gelassen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Colin Barrett: Wilde H\u00e4user. Roman.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans Christian Oeser. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Steidl Verlag. 2026. 25,00 \u20ac<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>\u00a0<\/u><\/p>\n<p><u>\u00a0<\/u><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der irische Roman Wilde H\u00e4user Ein Teint wie bl\u00e4ulich schimmernde Milch Der Ire Colin Barrett begeistert mit seinem tiefgr\u00fcndigem ersten Roman Wilde H\u00e4user. 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