Du fragst immer so doof, Marie-Luise, habe mal jemand zu ihr gesagt.
Und sie habe darauf erwidert: Stimmt. Ich kann nur gucken. Das erzählt die Journalistin Marie-Luise Scherer 2019 im Kölner Literarischen Salon, im Gespräch mit Guy Helminger und Navid Kermani. Und sie erklärt, wieder völlig uneitel, wie langsam sie schreibt. Silbenarbeit nennt sie das. Wie sie sich selbst beglückwünscht, wenn sie einen gelungenen Satz geschrieben hat und sich dann erlaubt, eine Zigarette zu rauchen. Nach solchen Sätzen stiert sie manchmal fast wütend ins Publikum, das leise kichert, ein gutes Publikum, das lauscht und sie versteht. Ein paar Mal verliert sie nämlich den Faden, immerhin ist sie schon 81 Jahre alt und hat seit Beginn des Abends auch schon ein paar Gläser Wein getrunken. Das Moderatoren-Duo versucht, ihr noch mehr über die Geheimnisse des Schreibens zu entlocken, aber sie gibt wenig preis.
Am 17. Dezember 2022 ist die wunderbare Journalistin, nein, Schriftstellerin, von uns gegangen.
Nachruf, gekürzter Originaltext, für meine Homepage veröffentlicht