Der amerikanische Roman Contrapposto
Der junge Künstler ist rein, aber die Kuratorin mit allen Wassern gewaschen – mit dem spannenden Roman Contrapposto beleuchtet der amerikanische Autor Dave Eggers viele Facetten der Kunst und des Kunstbetriebs
Eva Schäfers
Dies ist keine Galerie, dies ist eine Gruft, ruft Olympia wütend – und rettet ihren apathischen Freund Cricket aus diesem hochnäsigen Kunsttempel zurück ins Leben. Der Galerist hatte ihn neben den Eingang gesetzt, um die erwarteten Besucherströme zu kanalisieren – aber es kam NIEMAND, um die Vernissage abstrakter kleiner Röhren-Skulpturen zu sehen. Die „Kunstbürokraten“ (Olympia) verhalten sich gegenüber Cricket unverschämt ausgrenzend. Mit diesem Praktikum hatte er sich einen ersten Einblick in die Kunstszene erhofft, aber die Türen bleiben, ganz buchstäblich, immer nur einen winzigen Spalt geöffnet.
Dies ist raffiniert gemacht, wie auch der ganze Roman, trotz einiger Schwächen in der Figurenzeichnung, raffiniert konstruiert ist. Contrapposto heißt, auch im Deutschen, der neueste Roman von Dave Eggers.
Was bedeutet dieser italienische Begriff aus der Kunstgeschichte? Zu Beginn des 5.Jahrhunderts entdeckten die Bildhauer: Wenn das Modell nicht einfach nur frontal dasteht, sondern sein Spielbein bewegt, kommt der ganze Körper in Bewegung. Diesen schönen Hüftschwung können wir tatsächlich auch im Buch entdecken, denn Eggers hat einige von ihm selbst angefertigte Zeichnungen eingefügt, Kohle auf silbergrauem Papier, die meisten Akte, einige ziemlich ausdrucksstark. In seiner Jugend hatte er mal Kunst studiert, aber abgebrochen, weil er in der Kunst keine Zukunft für sich sah, wie er in einem Interview kürzlich erzählte.
Im Zentrum von Contrapposto steht Robert, Cricket genannt, der als 15jähriger Junge einen Kurs im Aktzeichnen macht. Mit seiner enormen, aber noch ungeformten künstlerischen Begabung will er sich aus einem kleinen Ort im Nordwesten von Indiana herauskatapultieren – und genau das gelingt ihm auch. Während Cricket Künstler werden möchte, so will seine Freundin Olympia Kuratorin werden, und so heftet sich der Roman an ihre Fersen, nahe an Cricket, mit größerer Distanz an Olympia. Anknüpfend auch an die Tradition des Bildungsromans, um viele Facetten der Kunst zu beleuchten: Herstellung, Konzept, Marketing. Interessanterweise spart der Autor die Rolle der KI völlig aus.
Olympia und Cricket sind ein höchst unkonventionelles Liebespaar, das sich auch manchmal über Jahre aus den Augen verliert. Und sie bilden ein Paar scharfer Kontraste. Denn während sich Cricket träumerischen Vorstellungen von Werkstatt, Meister und Schüler hingibt – so wie ein Künstlerleben längst vergangener Jahrhunderte manchmal funktionierte – , weiß die realistischere Olympia, dass Kunst auch eine Ware ist – und auch immer schon war.
In seiner Naivität und Unwissenheit wird Cricket vom Erzähler ganz schön ironisiert, doch eine Ironie des Plots liegt nun darin, dass er Jahrzehnte später von Olympia in genau so eine arbeitsteilige Manufaktur gerufen wird, wie er sie sich erträumt hatte. Aber doch anders, sehr kapitalistisch: Eine erfindungsreiche und vermögende Unternehmerpersönlichkeit – unwillkürlich denkt man sofort an Jeff Koons – schart um sich begabte Illustratorinnen, geschickte Handwerker und smarte Marketingleute, um seine hochfliegenden künstlerischen Konzepte zu verwirklichen. Aber die erzählerische Ironie richtet sich auch gegen die geschäftstüchtige Olympia, die so vehement gegen die sterile Galerie gezetert hatte. Als sie eine Immobilie mit einem Geschäft erbt, lässt sie es genau so aseptisch clean umbauen: mit weißen Wänden, freigelegtem Ziegelwerk dazwischen und viel Glas. Sie will das Vertrauen ihrer vermögenden Kunden, und das geht genau so, erklärt sie Cricket – und eben nicht mit einem bunt bemalten Schipperkahn, in dem sie eine ihrer ersten genialen Konzeptausstellungen ausrichtete.
Auf der Kunsthochschule gilt das künstlerische Konzept alles, während gegenständliche Kunst verächtlich niedergemetzelt wird, möge sich auch noch so viel Begabung oder gar Genie dahinter offenbaren. Andersdenkende und
-fühlende Studenten oder Professoren werden weggeekelt. Auch Cricket bricht die Schule ab und jobbt in einer Autobahnraststätte, der Whistlestop. In seinem Idealismus ist Cricket eine eigentümliche Reinheit eigen, während Olympia mit allen Wassern gewaschen ist. Als keltische Kriegerin wird sie mal bezeichnet, in ihrer Furchtlosigkeit, mit ihrer ungezähmten und freigiebigen Sexualität, mit ihrem wilden Gelächter und der wilden Haarmähne. Oft trägt sie eine Herrenanzughose und darüber ein weißes Tanktop, das ihre Brust schön betont.
Nicht nur mit Worten und Taten, auch über Kleidung und Physiognomie charakterisiert der Autor seine Figuren. Dabei kommt er manches Mal Klischees bedenklich nahe. Rob, der gewalttätige Liebhaber von Crickets Mutter, hat einen häßlichen Charakter und – eine häßliche Fratze. Seine abstoßenden Gesichtszüge karikiert Cricket auf einem Bild in einer Ausstellung, indem er seine kleinen Wieselaugen und seinen winzigen Stalaktitenzähne festhält. Seine feine Rache an dem Widerling.
Dagegen wird der aufrechte und moralisch kämpferische Professor Carpenter, der für Cricket und seinen engen Freund Jed eine Art Meister wird, in Habit und Habitus schon fast schmalzig hippiehaft idealisiert, ähnlich wie schon Silas, Crickets Großvater.
Auf einer flippigen Outdoor-Kunstmesse zieht Carpenter mit Jed und Cricket von Stand zu Stand, zwischen ausgestellten Fotos und selbstgemachten, hübsch verzierten Ledergürteln. Zwischendurch kauft er ihnen Maiskolben. Sind die Gürtel Kunst, fragt er sie. Oder Kunsthandwerk? Und was unterscheidet das eine vom anderen? Und sie knabbern an Maiskolben und an ästhetischen Theorien.
Während diese Szene mit ihrer sokratischen Fragenkanonade reichlich didaktisch daherkommt – erst als sich Carpenter die Schnürsenkel binden muss, springt das Traktat zurück zum Roman – sind vor allem die Szenen in der Galerie und in der Kunsthochschule mit ihrer beklemmenden Atmosphäre kleine Kabinettstückchen. Bösartigkeit und eine leise Komik werden gelungen eingefangen.
Man muss kein ausgesprochener Liebhaber Bildender Kunst sein, um an dieser Lektüre Freude zu verspüren. Es geht hier um zwei Menschen, die für etwas brennen. Und das kann mitreißend sein, egal ob wir es nun mit Sport, Theater, Literatur oder eben Bildender Kunst zu tun haben.
Dave Eggers: Contrapposto. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 487 Seiten (inkl. der Abbildungen). 25 €