Der irische Roman Wilde Häuser
Ein Teint wie bläulich schimmernde Milch
Der Ire Colin Barrett begeistert mit seinem tiefgründigem ersten Roman Wilde Häuser. Und höchst spannend ist er auch
Eva Schäfers
Die wüste Szene in Devs Badezimmer wirkt so lebendig, dass man als Leser in die bedrohliche Szene hineinspringen möchte und gleich zu Schrubber und Besen greifen will, um das Chaos aus Glasscherben, Blut und Wasser zu besänftigen. Trotz massiver Gewalt ist niemand zu Tode gekommen, niemand ertränkt oder erschlagen, obwohl danach reichlich Pflaster und Paracetamol gebraucht werden. Doch gleich wieder traktiert uns der Autor mit einem Szenenwechsel, obwohl man zu gern wissen möchte, wie die Entführer mit dem unerwarteten Befreiungsschlag umgehen.
Wilde Häuser ist das Romandebüt des Iren Colin Barrett, # in diesem Monat # im Steidl Verlag auf Deutsch erschienen. 2016 veröffentlichte der Verlag einen Band mit feinen Erzählungen Barretts, unter dem Titel Junge Wölfe (engl. Young Skins). Auch in Wilde Häuser geht es um die Langeweile junger Männer ohne berufliche Perspektive, die sie in Alkohol, Drogen und Kriminalität treiben. Auch hier wieder junge Wölfe, aber es sind nicht mehr nur Kleinkriminelle wie in den Kurzgeschichten.
Was macht Wild Houses so spannend wie einen klassischen Kriminalroman? Es ist die gute Geschichte, es sind die Cliffhanger, die abrupten Szenenwechsel zwischen Schauplätzen und Zeitebenen, mit Rückblenden, die die Spannung erhöhen, denn es läuft ein Ultimatum, ab. Ein glaubwürdiges Milieu aus dem Nordwesten Irlands, der Grafschaft Mayo, mit glaubwürdigen Charakteren. Und was macht Wilde Häuser so raffiniert? Nur wenn man langsam liest, entdeckt man, mit welchen Finessen Barrett arbeitet, so, als trenne man ein smart geschnittenes Etuikleid auf, um seine verborgenen Abnäher zu studieren.
Barrett hat den Plot gespickt mit Bildern des Sehens, Hörens und Riechens, die die Phantasie des Lesers befeuern: beispielsweise das ominöse „Luftfoliengeknister von Reifen, die langsam über Kies rollen“. Oder der blasse Teint des entführten Jungen Doll, der an frisch gemolkene, bläulich schimmernde Milch erinnert. Oder der mineralische Geruch der Luft nach einem Regenguss. Die Bilder und Vergleiche sind nicht ornamental schmückendes Beiwerk, sondern sie haben eine wichtige Funktion – sie unterstützen die Gefühle bei der Lektüre: Mitgefühl, Spannung, Angst. Daher hat Barrett jegliche Romantik in seiner Natur ausgelöscht. Mit einer schillernden Benzinlache auf dem Wasser vergleicht er das irisierende schwarzblaue Gefieder einer Krähe. Und in der Menschenwelt – die rostigen Wellblechdächer von Schuppen beschreibt er als die Farbe von getrocknetem Blut. Alles dient dazu, eine Atmosphäre von Bedrohung und Angst heraufzubeschwören.
„Dieses Haus ist ein wildes Haus“, sagt Sheila aufgebracht zu ihrem älteren Sohn Cillian. In seinem Haus wurden bis vor Kurzem noch wilde Partys gefeiert, Drogen konsumiert und Drogen verkauft. Bis Cillian Drogen im sicher geglaubten Versteck verliert, Drogen, die ihm nicht gehören, sondern dem Boss der Bande. Um Cillian unter Druck zu setzen, entführen die Brüder Sketch und Gabe Ferdia seinen jüngeren Bruder Doll und bringen ihn in dem abgelegenen Haus von Dev Hendrick unter.
Bei einem solchen Plot sollte man glauben, Opfer und Täter ständen im Zentrum. Aber Colin Barrett verschiebt die Perspektive nachdrücklich auf eine angebliche Nebenfigur: Dev Hendrick, den höchst eigenartigen Hauseigentümer. Seine Körpergröße ist so enorm, dass er überall auffällt – auch wenn er am liebsten unsichtbar bliebe. Groß wie Baggerschaufeln seien seine Hände, sagt Sketch zu Doll am Küchentisch, wo sie Corona-Bier trinken und Snacks in sich hinein schaufeln. In der Schule wurde Dev gemobbt. Die hat er deshalb vorzeitig geschmissen, vor Kurzem auch seinen Fabrikjob, der für ihn eigentlich ganz okay war. Menschen sieht er nun tagelang keine, quälend langsam verrinnen die Tage, und er sitzt eingekerkert im schwarzen Schlick seiner Gedanken. Einfacher gesagt: er scheint eine schwere Depression zu haben, mit Panikattacken in gefährlichen Situationen. Nun ist er zwar nicht mehr allein, aber diese Situation gefällt ihm ganz und gar nicht. Die Ferdias sind unberechenbar. In was ist er da nur hineingeraten? „Jetzt sitzen wir in der Scheiße, Georgie“, sagt Dev zu seinem Hündchen, als er mal in den Garten entwischt, um zu rauchen.
Georgie ist übrigens nicht nur ein kleines Detail im Roman, da sich über ihn Dev und Doll etwas annähern. Und als die Gewalt zu eskalieren droht, verpuppt sich der Hüne aus seiner „stoffpuppenhaften Gefügigkeit“, und es zeigen sich seine gewaltigen Kräfte … wie ein Wiedergänger des superstarken Lennie aus Steinbecks Roman Von Mäusen und Menschen.
Wenn die Menschen erregt sind, schleicht sich auch mal ein gälischer Ausdruck ins Idiom. Ansonsten hauen die jungen Männer in stakkatohafter Manier einen vulgären Slang raus, dessen misogyne Herabsetzungen ihnen vermutlich gar nicht bewusst sind. Während der schimpfende Deutsche einen Hang zum Fäkalen zeigt, ist das in der angloamerikanischen Welt die Affinität zum Genitalen. Insofern wurde aus dem C… für Dev ein „Riesenarschloch“ in der ganz vorzüglichen Übersetzung von Claudia Glenewinkel und Hans Christian Oeser, die natürlich nicht nur den Slang, sondern die bildliche Tiefe der irischen Vorlage wunderbar geschmeidig ins Deutsche übertragen haben. Übrigens sind die Frauen, also Cillians Mutter Sheila und Dolls Freundin Nicky, den Männern an Reife und Vernunft weit überlegen, was sich auch sprachlich offenbart. Schlagfertig und scharfzüngig sind sie in ihren Repliken und lassen den Männern nichts durchgehen, keine kesse Angeberei oder gar verbale Ausweichmanöver, wenn es brenzlig wird. Aber mehr zu verraten, wäre unfair gegenüber den Lesern, denen wir die Spannung auf keinen Fall nehmen wollen.
Was hat Dev nur dazu bewogen, sich auf die Brüder Ferdia einzulassen? Da kann man nur mutmaßen. Die Geschichte soll sich über die Geschichte mitteilen, nicht über einen schlaumeierischen Erzähler, der uns Lesenden erklärt, wie wir alles zu deuten haben. Show don‘ t tell. Das wissen Autoren wie T.C.Boyle und Ian McEwan – und das weiß der begnadete Romanautor Colin Barrett – und lässt uns mit diesem Rätsel daher allein: warum nur hat Dev Hendricks die Brüder Gabe und Sketch Ferdia überhaupt in sein Haus gelassen?
Colin Barrett: Wilde Häuser. Roman.
Aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans Christian Oeser.
Steidl Verlag. 2026. 25,00 €