Üble Geschäftspraktiken in der Dienstleistungsbranche
Wie windige deutsche Firmen im Bereich der Schädlingsbekämpfung ihre Kunden über den Tisch ziehen.
Der Erfahrungsbericht einer Bonnerin, von der Autorin protokolliert.
Eva Schäfers
Am 19.Januar dieses Jahres wachte Ingrid Martin* morgens auf und entdeckte wieder einen neuen Stich. Nur stecknadelgroß war er, rot und juckte, wenn auch nur leicht. Sie fand weitere Stellen an der Schulter, am Oberschenkel am Arm. Da man ja öfters mal von einem Insekt gestochen oder gebissen wird, hat sie das zunächst nicht weiter beachtet.
Erst am vierten Morgen, dem 22.Januar, wurde sie unruhig und überlegte, woher die Stiche kommen könnten. In einer spontanen Eingebung schlug Ingrid Martin den kleinen Teppichläufer vor ihrem Bett zurück – und entdeckte darunter ein lebloses, rundes, schwärzliches Teil, das ihr seltsam vorkam. Erst vor kurzem hatte sie in einer überregionalen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, den zweiteiligen Leidensbericht einer Autorin gelesen, die sich nach einem Urlaub Bettwanzen ins Haus geholt hatte. Nach dieser Lektüre wusste sie, dass sich Bettwanzen rasant vermehren und ihre Eier sehr resilient sind. Aufgrund dieses neuen Wissens steigerte sie sich in eine Panik hinein.
Das Objekt fotografierte sie und steckte es in eine verschraubbare Dose. Darauf googelte sie im Internet Kammerjäger in der Nähe und fand einen Herrn Z. Das darüber stehende Foto zeigte einen älteren, freundlich lächelnden Herrn, der in dem weißen Schutzanzug eines Imkers steckte. Seine Stimme am Telefon klang vertrauenerweckend und zugewandt. Es sei ja nun kurz vor dem Wochenende, sagte er freundlich, er wolle sie aber nicht im Stich lassen, ihren Termin dazwischenschieben und zwischen 15 und 18 Uhr vorbeikommen. Und er schloss mit den Worten: Die Anfahrt plus Analyse kostet 49 Euro. Dies schien ihr ein reeller Preis zu sein.
Zwanzig Minuten später rief aber jemand an, der sich als Georg M. vorstellte. Sie fragte ein bisschen misstrauisch nach, und er erwiderte schnell: Herr Z. hat keine Zeit. Und unsere Firmen arbeiten zusammen.
Er wolle um 14 Uhr vorbeikommen. Nach ihrer Schilderung sagte er, dass sich das nach Bettwanzen anhöre. Er würde seine Ausrüstung gleich mitbringen. Die Wohnung müsse dann mit einer speziellen Chemie besprüht werden. Vorher solle sie eine Tasche packen, denn die Wohnung dürfe dann acht Stunden nicht betreten werden. Außerdem sollte sie alle offenen Lebensmittel wegpacken. Er würde auch sofort kassieren, und sie müsse mit Kosten zwischen 400 und 800 Euro rechnen.
Als er eingetroffen war, zeigte sie ihm das Objekt in der Dose. Kein Zweifel, eine Wanze, sagte er. Ob sie nicht die roten Pünktchen am Rand sehe? Nein, sah sie nicht. Aber sie hatte auch nicht mehr die Augen einer Zwanzigjährigen.
Ihr ging seine Diagnose zu schnell. Auffällig schien ihr, dass er sofort loslegen wollte. Auf seinem Handy-Display zeigte er ihr schnell das Foto von einer Bettwanze, obendrüber stand der lateinische Gattungsbegriff: Cimex lectularius. Angeblich hatte er ihr Objekt in der Dose in eine KI-App eingespeist. Ihr kam das etwas seltsam, fast verdächtig, vor, und auch, wie schnell er ihre Nachfrage nach seinem Vorgehen abwehrte, aber sie hakte nicht nach, weil ihr dieser junge Mann – leider, sagt sie heute – vertrauenswürdig vorkam.
Als er seine Gasmaske aufsetzte, verließ sie die Wohnung. Es war vereinbart, dass sie ihn direkt nach der Aktion (15 bis 20 Minuten Dauer, sagte er) per Karte bezahlt:
knapp 780 Euro.
Dazu erklärt die Bonner Verbraucherschutzzentrale: Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen, eine Rechnung sofort zu zahlen! Einmal gezahltes Geld erhalten Sie nur schwer wieder zurück. Denn herauszufinden, wer hinter einem unseriösen Notdienst steht, ist oft unmöglich.
Nach und nach dämmerte es Ingrid Martin, dass sie einer betrügerischen Firma aufgesessen war. Der Anschrift der Rechnung zufolge hatte sie ihren Sitz gar nicht in Bonn, sondern in Recklinghausen.
Auch dies ist wiederum typisch für unsolide Firmen, so die Verbraucherzentrale: der Kunde glaubt, er habe es mit einem lokalen Unternehmen zu tun, doch die Firma schickt einfach einen Dienstleister aus der Nähe.
Wenn Sie sich im Zweifel sind, ob Sie es mit einer seriösen Firma zu tun haben, kontaktieren Sie den Verband der Deutschen Schädlingsbekämpfer (DSV). Er verfügt über ein Verzeichnis eingetragener Firmen, die dann auch höchstwahrscheinlich vertrauenswürdig sind. Marcus Römer, Mitglied des Vorstandes des DSV, weist darauf hin, dass das geschilderte Betrugsmodell zwar allgemein bekannt sei, aber die Behörden weitestgehend untätig blieben. Er bezieht sich mit dieser Kritik auf Ämter für Gewerbeschutz und auf Verbraucherzentralen. Eine bundesweite Abstimmung der Staatsanwaltschaften, um das gängige Betrugsmodell aufzudecken, finde seines Wissens nicht statt.
Der Fund in der Dose entpuppte sich als ein kleines holziges Teilchen unbekannter Provenienz. Laut Analyse von ChatGPT handelte es sich keinesfalls um ein Insekt.
In ihrer Analyse der Stiche schloss Ingrid Martins Hautärztin Wanzenbisse kategorisch aus. Überdies erkenne man einen Wanzenbefall an Blutflecken auf dem Bettlaken und der Matratze, erklärte sie.
Am 29.Januar 2026 erstattete Ingrid Martin Anzeige bei der Bonner Kriminalpolizei. Am 25.Februar erklärte die zuständige Bonner Staatsanwältin: Der Aufenthalt des verdächtigen Geschäftsführers der Firma konnte nicht ermittelt werden.
Das Verfahren wurde eingestellt: wegen Geringfügigkeit.
* Name von der Redaktion geändert
Auf Trustpilot finden sich viele Bewertungen dieser Firma, unisono negativ. Von Abzocke und sogar Betrug wird auf den Beiträgen berichtet.
Die Homepage dieser Firma ist inzwischen gelöscht.
Adressen:
Verbraucherzentrale NRW, Beratungsstelle Bonn,
Thomas-Mann-Str. 2-4
bonn@verbraucherzentrale.nrw
Deutscher Schädlingsbekämpfer-Verband
Marcus Römer ist ehrenamtliches Mitglied des Vorstands, aber auch Geschäftsführer seiner familiengeführten Firma Biotec mit Standorten in Wilhelmshaven und Osnabrück